Muße statt Multitasking

Zu viele Termine, zu wenig Bewegung, zu gestresste Eltern, zu wenig Zeit zum Spielen. Die vielen „Zu’s“ setzen Kinder nicht nur unter massiven Druck, sondern schaden der Entwicklung des kindlichen Gehirns. Hirnforscher und Psychiater raten Eltern, einen Gang herunterzuschalten.

Ans Ufer des Sees platschen kleine Wellen, die warme Herbstsonne verlockt dazu, ohne Jacke draußen zu sitzen. Am Wasser stehen Vater und Sohn. Während der Knirps Steine sammelt und ins Wasser wirft, tippt der Mann auf seinem Smartphone. Gelegentlich zupft ihn der Junge mal am Hosenbein, dann schaut Papa kurz auf, nickt und tippt weiter. Unterdessen schiebt eine Frau einen Buggy vorbei. Sie telefoniert lebhaft, während das Kind am Fläschchen nuckelt und teilnahmslos zur Seite schaut. Als sie nach 30 Minuten den Weg zurückkommt, telefoniert die Mutter immer noch. Eltern sind da, aber nicht wirklich präsent. Immer mehr Mütter und Väter sind im Dauerstress, haben das Gefühl, nicht nur immer erreichbar, sondern auch informiert sein zu müssen. Durch die Verbreitung des mobilen Internets hat sich dieser Trend noch verstärkt. Die Kinder müssen sich notgedrungen der Alltagsgestaltung der Erwachsenen anpassen.

Szenenwechsel: 7.45 Uhr vor einer deutschen Grundschule. Ein Auto nach dem anderen fährt vor, heraus krabbeln Kinder, die ihren Ranzen hinter sich herzerren, kurz winken und durch die Schultür verschwinden. Weil Kinder, die zu Fuß kommen, durch die vielen Autos gefährdet waren, hat die Schule extra eine Wendeschleife eingerichtet. Dabei sind die Lehrer nicht glücklich über die Fahrdienste der Eltern: „Wir merken direkt, welche Schüler gefahren wurden“, erzählt eine Grundschullehrerin. „Diejenigen, die gelaufen sind, setzen sich bald an ihren Platz. Die anderen sind schwer zur Ruhe zu bringen und zappelig.“ Mittags wiederholt sich das Spiel: Meist sind es Mütter, die mit dem Auto vorfahren. Viele Kinder haben nie gelernt, längere Wege zu Fuß zurückzulegen, sondern werden in Autos, auf Fahrrädern und in Buggys gefahren. Der durchgetaktete Alltag von Familien lässt es nicht anders zu. Würde man die Wege laufen, käme der Zeitplan durcheinander. Nachmittags stehen Ballettunterricht, Judo, Kinderturnen oder musikalische Früherziehung an. Dazwischen müssen Einkauf und Arztbesuche gequetscht werden. Wenig Bewegung, dafür viele Termine und Erwartungen. Es gibt noch keine Statistik über die Zeit, die Kinder jede Woche im Auto verbringen. Die Spielzeugbranche hat schon längst auf die veränderten Alltagsgewohnheiten reagiert: Gameboys, tragbare DVD-Spieler und MP3-Player dienen dazu, die Fahr-und Wartezeiten zu überbrücken. Elektronisches Spielzeug sei vor allem attraktiv, weil man damit auf sehr geringem Raum spielen könne, schreibt Susanne Gaschke in ihrem Buch „Die verkaufte Kindheit“. „Kinder haben heute keine Zeit mehr, um stundenlang mit Lego zu bauen“, zitiert sie Niels Sandahl, Marketing-Direktor bei Lego. Dieser Zeitnot passe die Branche die Produkte an. Figuren wie die Bionicles bestehen nur aus wenigen Teilen, die schnell zusammengebaut sind. Wenig Bewegung, dafür viele Termine und Erwartungen: Kinder stehen heute unter einem hohen Druck. Sie werden früh gefördert, damit sie bestmöglich auf eine spätere Karriere vorbereitet sind. Obwohl die Schulzeit bis zum Abitur um ein Jahr gekürzt wurde, sollen sie hervorragende Leistungen bringen. Sie sollen sich vereinbaren lassen mit der Berufstätigkeit und den Zeitplänen der Eltern. Auf dem Altar der Frühförderung und Alltagstermine wird das freie, ungeplante Spiel draußen geopfert.

Dafür liegt die Ursache auch in Ängsten, die durch Medienberichte verstärkt werden: „Wir lassen unseren Sohn nicht allein draußen spielen, denn man liest ja ständig, was alles passiert“, sagte mir die Mutter eines Drittklässlers. Da sie keine Zeit hat, mit den Kinder rauszugehen, haben beide Söhne je einen Fernseher und eine Spielkonsole im Kinderzimmer. Die Gefahren einer vermeintlichen Bedrohung im Freien fürchten Eltern mehr als die Inhalte, die per Bildschirm in die Kinderzimmer flimmern.

Folgen des Bewegungsmangels sind Übergewicht, Haltungsschäden, Aufmerksamkeitsstörungen und Unruhe. Kinder brauchen aber Bewegung, um sich richtig zu entwickeln: Körperliche und sinnliche Erfahrungen sind die Frühförderung für Kleinkinder schlechthin. Gerade in den ersten Lebensjahren fördert Bewegung die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung des Kindes und sogar die Sprachentwicklung, da sind sich Experten einig. Eine Studie der Universität Auckland hat übrigens nachgewiesen, dass Kinder umso länger zum Einschlafen brauchen, je weniger sie sich tagsüber bewegen. Für jede Stunde, die sich ein Kind nicht genügend bewegt, benötigt es drei Minuten länger, bis es in den Schlaf fällt.

Eltern mühen sich ab, wissenschaftlichen Erkenntnissen, ihrem eigenen Gewissen und den steigenden Anforderungen in Beruf und Alltag gerecht zu werden. Schon Kleinkinder werden durch zweisprachige Kindergärten, Intelligenztrainings, Musikstunden, Babyschwimmen, tänzerische Früherziehung gefördert. Der Grat zwischen Förderung und Überforderung ist schmal. Kinder, die zu kleine Aufgaben bekommen, verkümmern. „Kinder, die zu große Aufgaben bekommen, verzweifeln. Ältere Kinder suchen sich ihre Aufgaben selbst. Dazu benötigen sie das freie Spiel“, sagt der Hirnforscher Gerald Hüther.

Schmaler Grat zwischen Förderung und Überforderung

Dabei sind Eltern oft selbst überlastet und unsicher, was richtig und was falsch ist. Das führt dann dazu, dass die Mutter den Zweijährigen fragt, ob er lieber auf den Spielplatz oder ins Kinderturnen gehen will. Oder dass eine Vierjährige vor den Mammutregalen bei Toys’R’Us steht und sich entscheiden soll, welche der 324 Packungen sie zum Geburtstag haben will. „Partnerschaftliche Erziehung ist für Kindergartenkinder und auch jüngere Grundschulkinder eine Überforderung“, sagt Winterhoff. Er befürchtet, dass Kindheit als eigenständige Entwicklungsphase des Menschen immer mehr abgebaut wird. „Kinder brauchen Anleitung, Strukturen und die Aufmerksamkeit der Bezugspersonen. Die emotionale Entwicklung ist nur möglich durch Beziehung.“

Engagierte Eltern lesen alle einschlägigen Erziehungsratgeber – damit geht dann das Dilemma erst richtig los. Ein Blick auf die Veröffentlichungen des Jahres 2011 zeigt, welchen unterschiedlichen Theorien Eltern sich damit aussetzen: Im Januar 2011 forderte die amerikanische Juristin Amy Chua in ihrem Buch „Die Mutter des Erfolgs“ Eltern dazu auf, mehr von ihren Kinder zu verlangen. Strenge und Disziplin würden Kinder erst dazu bringen, ihre Begabungen zu entwickeln. Damit müsse man so früh wie möglich anfangen.

Der verstorbene Pädagoge Wolfgang Bergmann veröffentlichte im April sein letztes Buch „Lasst Eure Kinder in Ruhe!“. Darin warnt er vor dem Förderwahn in der Erziehung: „Einen Bereich schon früh ganz besonders zu fördern, nützt dem Kind nicht, im Gegenteil, es reduziert seine Vielseitigkeit.“

„Erziehung kann man nicht durch Ratgeber lernen, das funktioniert nur durch Intuition. Genau die haben viele Eltern in der Alltagshektik verloren“, schreibt Psychiater Michael Winterhoff in dem Buch „Lasst Kinder wieder Kinder sein“. ...

... Viele Erwachsene strahlten Spannung und Hektik aus – dies schade der kindlichen Entwicklung mehr, als man bisher angenommen habe. Diese drei Beispiele aus einer Palette von Neuerscheinungen zeigen das Spannungsfeld, in dem Eltern und auch ihre Kinder sich bewegen. Und während die einen nichts auslassen, um ihr Kind auf eine globale Karriere vorzubereiten, wächst auf der anderen Seite die Zahl der Eltern, die ihre Kinder verwahrlosen lassen.

Regelmäßigkeit und klare Strukturen

Was viele nicht wissen: Sowohl Unsicherheit und Überforderung als auch Vernachlässigung können die Entwicklung des kindlichen Gehirns empfindlich stören. „Das Gehirn benötigt verlässliche Angebote, um sich überhaupt zu entwickeln, aber es geht unter, wenn man es überflutet“, sagt der Neurowissenschaftler Gerhard Roth gegenüber dem Magazin „Der Spiegel“. „Stimuliert man es zu wenig oder zu viel, läuft das dem natürlichen Reifungsprozess auf irrwitzige Weise entgegen.“
Buchautor Winterhoff beobachtet seit Jahren eine Zunahme an neuen psychischen Störungen, die er auf die fehlende emotionale Entwicklung von Kindern zurückführt. „Ich kenne Jugendliche, die emotional auf dem Stand eines Kleinkindes sind.“
Was also tun? „Es gilt, das richtige Maß wiederzufinden“, sagt Gerhard Roth. Eltern sollten einmal einen Schritt zurücktreten und innehalten. „Nirgends ist innere Ruhe bei Erwachsenen so entscheidend wie im Umgang mit Kindern. Nur wer ruhig ist und sich ganz bei sich fühlt, kann intuitiv richtig erziehen“, erklärt der Psychiater Winterhoff. Alle pädagogischen Bemühungen, Erziehungsstile und -modelle bewirken nichts, wenn die Voraussetzungen für die Entwicklung der kindlichen Psyche nicht vorhanden sind. „Nervenzellen brauchen Futter, um sich zu vernetzen. Das Futter ist die Beziehung, außerdem brauchen Kinder klare Abläufe, bei denen Erwachsene sie begleiten. Dadurch entwickelt sich die Psyche.“

Weniger ist mehr

„Wenn Eltern innehalten und zur eigenen Mitte und damit zu ihrer Intuition wiederfinden, verändert sich sofort ihr eigenes Erziehungsverhalten und damit auch das Verhalten ihrer Kinder. Das habe ich mehrfach in der Therapie erlebt“, sagt Winterhoff. Mehr Gelassenheit und gesunder Menschenverstand sind also besser, als zwischen zahlreichen Angeboten hin- und herzuhetzen. Genießen wir lieber die Zeit mit unseren Kindern, und lassen wir sie ihre Kindheit genießen, bevor sie Erwachsene werden!
Wenn also der Vater am See sein Smartphone ausschalten und gemeinsam mit seinem Sohn einige Steine ins Wasser werfen würde, könnte er entdecken, dass das nicht nur Spaß macht, sondern ihm selbst auch gut tut und ihn erdet. Und sein Junge könnte die Aufmerksamkeit des Vaters genießen.

Was Kinder für eine gesunde Entwicklung brauchen:
  • Verlässliche Bezugspersonen
  • Klare Regeln und Rituale
  • Ausreichend Schlaf
  • Bewegung
  • Freunde
  • Draußen spielen


Ellen Nieswiodek-Martin
(aus: Christliches Medienmagazin pro 6/2011, S. 6–8; www.pro-medienmagazin.de)

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