Jungs im Clinch mit der Schule
Die Bildungskrise der Jungen
Seit der PISA-Studie im Jahr 2000 ist offiziell dokumentiert, was Pädagogen lange zuvor aufgefallen ist: Jungs und Schule: Das passt nicht recht zusammen!
Die Lesekompetenz der Mädchen ergab in allen PISA-Teilnehmerstaaten signifikant höhere Werte als bei Jungen. Weitere Fakten sprechen für sich: 56,2 Prozent der Hauptschüler und nur 46,2 Prozent der Gymnasiasten sind Jungen. Zwei Drittel aller Schulabbrecher und drei Viertel aller Sonderschüler sind männlich.1 Aus klinischer Sicht entwickeln Jungen drei- bis viermal häufiger als Mädchen Entwicklungs- und Verhaltensstörungen wie Hyperaktivität, Konzentrationsschwäche, Autismus u.a.2
Disziplinarmaßnahmen an unserer Schule, in die wegen ihrer Schwere die Schulleitung einbezogen wird, betreffen in großer Überzahl Jungs. Die große Mehrzahl der schulischen Sorgenkinder sind Jungen. Das bestätigen bereits die meisten Grundschullehrerinnen.
Ein unter die Bank gedrückter Haufen von Arbeitsblättern statt sauber geführter Ordner, schlampig gemachte Hausaufgaben, chaotisch hingeschmierte Tafel-Abschriebe sind schlechte Voraussetzungen für schulischen Erfolg. Übersichtliche Aufschriebe, systematische Markierungen, gepflegte Materialien sorgen dagegen auch für Ordnung im Gehirn und garantieren eine bessere Rezeption schulischen Wissens. Letztere finden sich nicht nur, aber überwiegend bei Mädchen. Dabei fehlt es Jungs weder an Intelligenz, noch sind sie unfähig strukturiert zu arbeiten. Sie haben einfach keine Lust zu schulischem Arbeitsverhalten.
Jungs bewähren sich auf anderen Gebieten: Sie brüsten sich mit härtesten Gewaltvideos, retten die Welt in Computer-Games, kämpfen sich in immer höhere „Level“, messen sich in durchspielten LAN-Nächten mit ihren Artgenossen und zögern nicht, ihre Fäuste einzusetzen, wenn ihnen einer dumm kommt. Ursachen für die Eskalation von Gewalt können sie selten sprachlich formulieren, wenn sie sich bei mir im Büro für ihre Taten verantworten sollen, ebenso wenig können sie Wege zur Vermeidung von Gewalt aufzeigen.3
Fazit: Jungen zeigen im Durchschnitt schlechtere Sprachkompetenz, verweigern häufiger Schulleistungen und neigen eher zu Gewalt als Mädchen.
Vermutete Ursachen
Seit den 80er Jahren wurden Mädchen im Zuge der Gleichstellungskampagnen durch viele Programme gezielt gefördert. Jungen und Männer hatten in der Geschichte der schulischen Bildung immer die Nase vorn gehabt. Seit Einführung der Koedukation an deutschen Schulen scheint sich dies schleichend, in den vergangenen Jahren dramatisch verändert zu haben.
Es gibt verschiedene Erklärungsversuche, warum Jungen zu Verlierern unseres Bildungssystems werden:
Genetische Veranlagung
Jungen waren im Grunde schon immer so: Schulisches Lernen wird mit Verachtung gestraft, riskante Abenteuer jenseits der Regeln und Regulierungen durch die Erwachsenen-Welt machen das Leben erst lebenswert, dafür werden selbst harte Strafen hingenommen. So stellt Mark Twain seine kleinen Helden schon 1876 vor. Heute spricht man vom Tom-Sawyer-Argument.4
Hierfür könnte in der Tat eine genetische Veranlagung verantwortlich sein, die in früheren Gesellschaften ihren Sinn hatte. Auf gefährlichen Pfaden schweigend Großwild jagen (das Wild darf nicht vorzeitig verscheucht werden!), im eingespielten Team auf wenige Kommandos achten, Augen und Ohren in alle Richtungen offen, um Gefahren frühzeitig zu erkennen, dann im entscheidenden Moment alles riskieren …, ein Revier abstecken, Macht demonstrieren, das eigene Gebiet gegen Eindringlinge verteidigen: In der Steinzeit waren diese Fähigkeiten überlebensnotwendig. […] Ich frage mich, inwieweit dieser Archetypus von Mann noch heute in männlichen Wesen steckt. In virtuellen Welten der Computer-Spiele und rudimentär auch noch im Sport kommen diese männlichen Attribute zum Zug. In der Schule und in den meisten Bereichen der Gesellschaft sind sie unerwünscht.
Fehlende Identifikations-Muster
„Reale Männer“ fehlen oft in der Entwicklung eines Jungen. Von der Mutter getrennt lebende Väter sind selten erreichbar. Auch in intakten Ehen sind Väter häufig beruflich so in Beschlag genommen, dass sie als Vorbild nur bedingt taugen. Manchen Vätern ist die Umstellung von einem archaisch-patriarchalischen Männerbild auf ein partnerschaftlich-sozialintegratives noch nicht gelungen. Dies ist häufig ein Problem in Migranten-Familien.
In Kindergärten und Kindertagesstätten werden Jungen zu 97 Prozent von Frauen betreut, in der Grundschule sind es noch 86 Prozent.5
Mediale Vorbilder im virtuellen Spiel oder im Film beziehen ihre Faszination oft aus archaischen Männerbildern, mit denen die Jungs in ihrer Umwelt so massiv anecken.
Partnerschaftliche Männer, die Gefühle zeigen, die an ihrem „Innenleben“ Anteil geben, die es nicht nötig haben, sich mit Macho-Gehabe durchzusetzen, Männer, die Jungen zeigen können, wie Mann-Sein in unserer Gesellschaft funktionieren kann, sind selten – zumindest selten in der Nähe von Jungs, dass sie sich an ihnen orientieren können.
Jungen wollen nicht werden wie ihre Mutter. Sie müssen sich abgrenzen und doch zärtliche Beziehungen leben können. Dramatische Verhaltensabweichungen habe ich bei Jungen mit überbehütenden, aber inkonsequenten Müttern festgestellt – besonders schlimm wird es, wenn dann noch eine vorbildlich in der Spur laufende ältere Schwester dazukommt.
Mangel an Sinn
Die Scheinwelten des Computers machen süchtig, weil sie nur im Augenblick des Spiels ein gewisses Erfolgs-Gefühl vermitteln. Danach ist man wieder der kleine Junge, der Versager, der Feigling. Keine Spur vom „Retter der Geächteten“! Wer sich schwach und nutzlos fühlt und vielleicht von einem für noch schwächer Gehaltenen „dumm angemacht“ wird, greift schnell zu Gewalt.
Das Dilemma der Schule ist, dass sich das schulische Lernen ebenfalls fast vollständig auf einer „Meta-Ebene“ bewegt. Das wahre Leben spielt woanders. Der Sinn des Lernens erschließt sich nicht unmittelbar. Wer früher im Frühjahr nicht gesät hat, konnte im Herbst nicht ernten. Wer kein Holz gesammelt hatte, fror im Winter. Der Schüler bleibt voll versorgt, egal was er tut. Der schöne Sprach, fürs Leben zu lernen, ist nicht unmittelbar einsichtig, und ob sich die Mühen des Lernens einmal im wirklichen Leben auszahlen, kann auch kein Lehrer garantieren.
Weder die Arbeit, die der Schüler in der Schule leistet, wird gebraucht, noch ist er als Person wichtig. Wenn er fehlt, sind die Lehrer vielleicht froh, dass ein Störer weniger da ist. Das Nicht-Gebraucht-Werden bis weit ins Erwachsenen-Alter und das rein rezeptive und reproduktive Verhalten in der Schule ist bereits bei Schenk-Danzinger als Problem formuliert.6 Diese Problematik betrifft zwar in gleicher Weise die Mädchen. Sie können der Klassengemeinschaft, der Zusammenarbeit und der reproduktiven Arbeitsweise aber eher etwas abgewinnen.
Verletzungen der kleinen „Männer-Seelen“
Jeder unserer vier inzwischen erwachsenen Jungs kann von Kränkungen und tiefen Verletzungen durch (aus subjektiver Sicht) völlige Fehleinschätzungen ihres Verhaltens von Lehrerinnen berichten. Lehrerinnen haben es schwer, jungenhaftes Verhalten richtig einzuordnen. In ihren Sanktionen verletzen sie oft das zarte Pflänzchen werdender männlicher Identität, treffen es in der empfindlichsten Stelle auf der Suche nach Anerkennung und verbauen damit den Weg der jungen Männer, sich Aufmerksamkeit und Achtung auf positivem Wege zu erwerben. Allzu leicht wird dann der Pfad der Tugend endgültig verlassen und man sucht sich Anerkennung in der Gruppe durch kontraproduktive Aktionen, die von Clownerie über Schul-Verweigerung bis zu mutprobenartigen Regelverstößen führen können.
Kleine Menschen auf der Suche nach ihrer männlichen Identität ernst zu nehmen, sie in ihren Versuchen, Anerkennung zu finden, nicht verletzen und ihnen trotzdem unmissverständlich ihre Grenzen aufzuzeigen – das erfordert eine hohe Kunst der Pädagogik, die manche Erzieherin und Lehrerin überfordert.7 Höchste Zeit, dass diese Problematik in der Lehreraus- und -fortbildung berücksichtigt wird. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?
Beziehung leben
Jungs brauchen männliche Vorbilder! In Familien, Kindergärten, Tagesstätten und Schulen braucht es Männer, an denen Jungen ablesen können, wie Mannsein geht! Das müssen gestandene Männer sein, denen kein Zacken aus der Krone bricht, wenn sie Gefühle zeigen, partnerschaftlich mit anderen umgehen, sich Hilfe holen. Und sie müssen die kleinen Männer auf ihrer Ebene ernst nehmen, für sie erreichbare und zuverlässige Partner sein und sie liebevoll, zärtlich und konsequent auf ihrem Weg zum Mann begleiten.8
Am wirkungsvollsten ist diese Beziehung, wenn ohne Indoktrination, ohne Zwang eine hilfreiche Gottesbeziehung vorgelebt wird, wenn der Vater seinen Lebensgrund und -sinn in der Halt gebenden Beziehung zu Gott, dem himmlischen Vater, festmacht, so dass dem werdenden Mann der unerschütterliche Halt im Glauben deutlich wird.
Identitätsfindung ermöglichen
Jedes Kind ist ein einmaliges Individuum. Junge Menschen in der Entwicklung ihrer eigenen Identität zu begleiten ist die hohe Aufgabe jeder Erziehung. Besonders Frauen sind im Umgang mit „kleinen Männern“ herausgefordert, diese Identität, die so anders ist als die ihre, anzuerkennen, zu fördern und lobend zu unterstützen.
Grenzen setzen ist unabdingbar. Sie dürfen aber die werdende Identität nicht zu sehr beengen. Der „kleine Mann“ braucht Entfaltungsspielraum als Mann. Er muss anders werden als seine Mutter und seine Lehrerin. Überbehüten ist ebenso Gift wie Verwahrlosung.
Abenteuer anbieten und Verantwortung fordern
Jungs brauchen echte Abenteuer: Outdoor-Erfahrungen, Erlebnis-Pädagogik, Wind, Wetter, Wasser und Bewegung. Sportliche Herausforderungen bieten ein reales Übungsfeld für Fairness und Verantwortung füreinander. In einer Gruppe auf einer Backpacking-Tour wird unmittelbar deutlich, was Verantwortung heißt. Leichtsinnigkeit kann tödlich sein. Da das Unternehmen nur in guter Zusammenarbeit aller gelingen kann, wird hier Jungen gemäßes Sozialverhalten
trainiert!9
Sinn stiften
So schwierig es im schulischen Alltag auch sein mag: Jungen müssen wissen, dass es Sinn macht, was sie tun. Sie müssen erfahren, dass sie ein wichtiges und sinnvolles Teil des Ganzen sind.
Im Überdruss des scheinbar sinnlosen Paukens in der Schule kann eine „Auszeit“ von der Schule helfen. Von Jugend-Organisationen gibt es Angebote für Schüler, denen ein zeitweiliger Schulausschluss auferlegt wurde. Ein soziales Jahr als Unterbrechung der schulischen Laufbahn kann Wunder wirken.
Wir müssen alles dransetzen, Jungs spüren zu lassen, dass sie gebraucht werden. „Bebauen und bewahren“ ist nach der Bibel der große Auftrag des Mannes. Dieser Auftrag ist nicht erfüllt, sondern dringender denn je. Wir können es uns nicht leisten, dass unsere jungen Männer von sinnloser Langeweile in der Schule über stupide oder entartete Computerspiele in eine Sucht- und Gewaltspirale geraten. Es muss gelingen, dass sie leidenschaftlich für den großen Auftrag motiviert werden, für den sie bestimmt sind!10
Eckhard Geier
Der Autor, verheiratet, 4 erwachsene Söhne, ist seit 1994 Gesamtleiter der Freien Evangelischen Schule Stuttgart. Der Beitrag erschien zuerst im Rundbrief der Evangelischen Sammlung in Württemberg, danach in Glaube + Erziehung 1/2009.
1) Margrit Wienholz: „Und wo bleiben die Jungs?“ In: Schulverwaltung BW 7–8/2008, S. 146ff.
2) Sebastian Kraemer: „Männlich zu sein gefährdet die Gesundheit“. Interview in GEO 3/2003.
3)Was der Kürze des Artikels wegen pauschalierend klingt, bezieht sich auf statistisch belegte oder empirisch empfundene Mehrheiten. Auf keinen Fall soll damit Vorurteilen Vorschub geleistet werden. „Die Jungs“ und „die Mädchen“ gibt es nicht. Jedes Kind ist ein einzigartiges Individuum!
4) Mark Twain: The Adventures of Tom Sawyer, 1876. Vgl. auch Johanna Romberg: „Jungs“, in: GEO 3/2003, und Wienholz, a.a.O., S. 147.
5) Wienholz, a.a.O., S. 147.
6) Lotte Schenk-Danzinger: Entwicklungspsychologie, Wien 1969, S. 226.
7) Vgl. Wienholz, a.a.O.: „Das ‚war-against-boys‘-Argument: Erzieherinnen und Lehrerinnen benachteiligen ihre Schüler aufgrund zu geringer Gender-Kompetenz.“
8) Wegen der Kürze meines Artikels verweise ich hier auf die Erörterungen von Frank Beuster: Die Jungen-Katastrophe. Das überforderte Geschlecht, rororo 61997, Reinbek 2007, S. 296ff.
9) Angebote von Seiten der Jugendarbeit gibt es genug. Man muss die Jungs dazu motivieren!
10) Weitere Literaturempfehlung: Dorothea Kammerer: Aggression und Gewalt bei Jungen. Mosaik Verlag München 1993.
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