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Alleinherrscher Kind
Michael Winterhoff ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die massive Zunahme bestimmter schwerer Störungen bei Kindern und Jugendlichen hat ihn veranlasst, ein Buch zu schreiben, das den Titel trägt „Warum unsere
Kinder Tyrannen werden. Oder: Die Abschaffung der Kindheit“. Das Buch erschien 2008, stand monatelang an der Spitze der Bestsellerlisten und wurde in Deutschland rund 350.000-mal verkauft. Wir halten seine Feststellungen für bedenkenswert und drucken deshalb hier eine Rezension des Buches ab.
Kinder, die brüllen, sich weigern, kleinste Aufgaben zu erledigen, und deren Benehmen mit dem Begriff „unhöflich“ noch milde umschrieben ist, kennen wir alle. Doch immer mehr Eltern scheinen solchen Verhaltensweisen ihrer Kinder hilflos gegenüberzustehen. Laut dem Kinderarzt und zweifachen Vater Michael Winterhoff hat die Zahl der Störungen und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen in den vergangenen 15 Jahren enorm zugenommen. Kinderärzte diagnostizieren Defizite in den Bereichen Motorik, Sprachentwicklung und Wahrnehmung. Ein großer Teil der Grundschüler zeigt bei den Einschulungstests bereits starke Auffälligkeiten. Betriebe beklagen die mangelnde Ausbildungsreife der Schulabgänger. Dabei tun bemühte und verständnisvolle Eltern alles dafür, um glückliche und selbstbewusste Kinder heranzuziehen.
Was läuft schief in Deutschlands Kinderzimmern?
Für den Autor ist die Entwicklung von Kindern hin zu „Monstern und Tyrannen“, wie er es etwas drastisch ausdrückt, die Folge einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung. „Kinder haben im heutigen Gesellschaftssystem keine Chance, sich kindgerecht und damit altersentsprechend zu entwickeln“, schreibt Winterhoff. Schuld daran sind seiner Ansicht nach die Erwachsenen selbst. Diese begegnen Kindern als Partnern, beziehen sie in Themen ein, für die sie zu jung sind, und akzeptieren schlussendlich, dass das Kind die Führung übernimmt. Getrieben von dem Wunsch, ihren Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen, stellen sie die Bedürfnisse der Kinder dauerhaftber ihre eigenen. Dadurch lernen Kinder, dass ihre edürfnisse wichtiger sind als die der Eltern.
Eltern, aber auch Lehrer und Erzieher säßen einem gesellschaftlichen Trend auf, der die Bedürfnisse von Kindern in den Mittelpunkt stelle – und diesen fast lles unterordne. Dabei bräuchten Kinder gerade in der multimedialen Gesellschaft nichts dringender als rientierende Maßstäbe, Strukturen, die Sicherheit bieten, und Erwachsene, die Vorbilder sind und die Richtung vorgeben.
Gebt den Kindern das Kommando?
Das Problem an dieser Entwicklung: Kinder lernen die notwendigen Verhaltensweisen wie Zuhören, Aufpassen und Mitarbeiten nur dann, wenn es Regeln gibt, die das Erlernen ermöglichen. Wichtige Lernschritte wie Warten lernen, auf die Gruppe Rücksicht nehmen oder Dinge erledigen, auch wenn man dazu gerade keine Lust hat, kommen zu kurz, wenn es rein nach Lust und Laune des Kindes geht.
„Psychische Funktionen können Kinder nicht automatisch, sondern sie müssen diese von den Eltern erlernen“, erklärt der Kinderpsychiater. Genau dies unktioniere aber nicht, wenn Eltern zu früh dem Kind die Führung überließen. Daher blieben viele Kinder auf dem psychischen Reifegrad eines Dreijährigen stehen. Kindliche Psyche entwickele sich dadurch, dass das Kind ein erwachsenes Gegenüber als Begrenzung der eigenen Individualität wahrnimmt. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ SZ ) fasste Winterhoff es so zusammen: „Als Säugling muss man nur quaken, dann kommt die Brust. Wenn man Kindern aber auch über das Säuglingsalter hinaus permanent die Brust reicht, ihnen also sofort jeden Wunsch erfüllt, bleiben diese Kinder in der oralen Phase stecken. Sie werden später sehr leicht nach anderen Dingen süchtig: nach Videospielen, Flatrate-Saufen, Fastfood.“
Aber nicht nur die Eltern forderten immer weniger von ihren Kindern und nähmen ihre Elternrolle nicht wahr. Auch in Schulen und Kindertagesstätten sieht Winterhoff eine „schleichende Verschiebung der Maßstäbe nach unten. Lehrer und Erzieher haben vor dem gesellschaftlichen Druck kapituliert“. Beispielsweise bei der Sauberkeitserziehung: Galt es früher als normal, dass ein Dreijähriges zum Kindergarteneintritt trocken sein musste, ist dies laut Winterhoff heute kein Thema mehr. Auch der Geräuschpegel, der heute in Schulklassen herrsche, wäre früher von Lehrkräften nicht toleriert worden.
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